Günter Dworak – Der Visionär der Schachtgalerie 2/3
Ein Leben zwischen Kohle, Stahl und Kunst
Wer Günter Dworak betrachtete – die Hände typisch in den Taschen, den Blick visionär über den Horizont von Wanne-Eickel hinaus gerichtet – sah einen Künstler, der die DNA des Ruhrgebiets in jedem Pinselstrich und jeder Schweißnaht trug. Geboren im Schatten der Zeche Hannibal, führte ihn sein Weg von einer klassischen Malerlehre bis in die Meisterklasse der Folkwangschule. Als Meisterschüler von Bauhaus-Größen wie Max Burchartz verstand er es wie kaum ein anderer, die industrielle Schwere seiner Heimat mit einer tiefen menschlichen und christlichen Spiritualität zu vereinen. Die Schachtgalerie 2/3 war dabei mehr als nur sein Atelier – sie war der Schmelztiegel, in dem aus Grubeneisen und Bleiresten zeitlose Botschaften wurden.
Stationen eines Schaffensweges
1928 – 1946: Herkunft & Handwerk Geboren in Wanne-Eickel als Sohn eines Maschinisten der Zeche Hannibal. Er lernt das Handwerk von der Pike auf bei einer klassischen Malerlehre.
- 1947 – 1956: Die Folkwang-Jahre & Fundamente der Moderne Studium der Grafik an der Folkwangschule Essen. Zwischen 1948 und 1950 vertieft er seine Fähigkeiten zudem als Schüler sowie als Dekorations- und Reklamezeichner bei Edmund Schuitz. Als Assistent der Bauhaus-Legende Prof. Max Burchartz entwickelt er seine klare Formsprache und assistiert darüber hinaus dem documenta-Begründer Prof. Arnold Bode in Kassel – eine prägende Zeit, die sein tiefes Verständnis für Raumkonzepte und groß angelegte Ausstellungen begründet. In dieser Phase feiert er erste internationale Erfolge (Plakatpreis „Panair do Brasil“).
- 1957 – 1968: Gestaltung, Aufbau & Regionales Netzwerk Tätigkeit in den Stadtplanungsämtern von Neuss, Gelsenkirchen und Wanne-Eickel. Er gestaltet Spielplätze nach psychologischen Aspekten. Um die junge, avantgardistische Kunstszene im Nachkriegs-Ruhrgebiet enger zu vernetzen, gründet er 1960 gemeinsam mit Weggefährten die regional bedeutende Künstlergruppe FABO (Falkstraße Bochum).
- 1964 – 1991: Kunst im öffentlichen Raum & Verbandstätigkeit Drei Jahrzehnte beim Kommunalverband Ruhrgebiet (KVR). Er schafft Großplastiken für den öffentlichen Raum und sakrale Werke für Kirchen in Bochum und Herne. Parallel engagiert er sich kulturpolitisch in den Vorständen und Beiräten des BBK (Dortmund) und des WBK (Essen). Ab 1986 prägt er die lokale Kulturszene zudem als Ausstellungsorganisator im Kunstverein Schollbrockhaus Herne.
- 1969 – 2000: Schachtgalerie, Ateliergemeinschaft & Erbe Gründungsmitglied der Künstlerzeche Unser Fritz 2/3. Ab 1972 verlegt er sein Atelier fest an den Zechenstandort und bildet dort zusammen mit Helmut Bettenhausen, Werner Köntopp, Ulla Potthoff und Winfried Labus den engsten Kern einer lebendigen Ateliergemeinschaft, die sich intensiv für den Erhalt der Zeche als Kulturzentrum einsetzt. Ab 1990 bringt er seine Expertise zudem in den Beirat der Flottmann-Hallen ein.
- Im Spätwerk verbindet ihn eine enge kollegiale Zusammenarbeit mit dem Künstler Hanfried Brenner, die sich in gemeinsamen Ausstellungen – wie der viel beachteten Doppelschau im Torhaus Rombergpark in Dortmund (1996) – manifestiert. Bis zu seinem Tod im Jahr 2000 widmet er sich in seiner Heimatstadt dem künstlerischen Dialog zwischen Mensch, Bergbau und Religion.
Auszeichnungen & Meilensteine
- 1947/48: 1. Preise bei Jugendkunstwettbewerben (u.a. für die berühmte Zeichnung „Schuhe“).
- 1949: Kunstpreis des Kultusministeriums Arnsberg.
- 1955: Internationaler Durchbruch mit dem 1. Preis für „Panair do Brasil“ (Ausstellungen in Rio de Janeiro, Hamburg, Frankfurt).
- Die kunsthistorische Relevanz seines Schaffens wird heute dadurch unterstrichen, dass bedeutende Großplastiken wie „Schachtanlage Hannibal † 1973“ (1984) sowie zentrale Werke der Arbeitswelt als Dauerleihgaben im Deutschen Bergbau-Museum Bochum bewahrt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Schachtgalerie 2/3 – Wo Eisen zu Kunst wurde
Die Schachtgalerie 2/3 war weit mehr als ein stilles Refugium. Die hohen Wände, dicht behängt mit Leinwänden und Grafiken, bildeten die Kulisse für zahllose Diskussionen mit Weggefährten, Kritikern und Kunstinteressierten. Zwischen dem großen Arbeitstisch und dem alten Sofa wurde um die Wahrheit in der Kunst gerungen – oft einvernehmlich, oft leidenschaftlich kontrovers.
Günter Dworak war kein ‚leichter‘ Mensch. Er war ein energischer Geist, der seine Positionen offen und direkt verteidigte. Wer ihn im Streitgespräch erlebte, lernte seine scharfe Ironie kennen: Wenn die Atmosphäre besonders hitzig wurde, griff er gerne zu seinem charakteristischen ‚Verehrte...‘ oder ‚Verehrter...‘ – ein rhetorisches Augenzwinkern, das gleichermaßen Distanz schuf und Respekt forderte. In diesen Räumen wurde nicht nur gemalt; hier wurde das Leben und die Kunst mit einer Intensität verhandelt, die alle Besucher tief beeindruckte.




An der Eingangstür stand es schlicht: Schachtgalerie 2/3. Hier widmete sich Günter Dworak ab den 80er Jahren intensiv den Materialien seiner Heimat. Er nutzte Grubenholz, Blei und Eisen – Relikte der Schachtanlagen Hannibal und Königsgrube –, um den Menschen im Bergbau ein Denkmal zu setzen. In den 90er Jahren wurden seine Arbeiten zunehmend stiller und konzentrierten sich auf christliche und soziale Themen.




