Kunst aus dem Herzen des Reviers



Zur Einführung:


Die folgenden Textabschnitte basieren auf den kunsthistorischen Analysen von Manfred Bourrée aus dem Jahr 1985.

Bourrée, ein enger Wegbegleiter, Freund und Kollege Günter Dworaks, prägte als Kulturexperte und Mitarbeiter der Stadt Herne über Jahrzehnte die regionale Kunstszene und begleitete zahlreiche Ausstellungen mit seinen fundierten Eröffnungsreden.

Erinnerung an die Gegenwart & Raumkunst

Der Entstehungsort von Günter Dworaks Arbeiten ist untrennbar mit ihrer Aussage verknüpft: Sein Atelier befand sich in den historischen Gebäuden der ehemaligen Schachtanlage „Unser Fritz“ 2/3 in Wanne-Eickel. Die alltägliche Umgebung – die alten Gänge und Treppen, die einst die Kumpel auf ihrem Weg unter Tage nutzten – floss direkt als Inspirationsquelle in sein Schaffen ein.


Nach seinen frühen Erfahrungen im Bereich „Kunst am Bau“ widmete sich Dworak in dieser Schaffensphase intensiv der dreidimensionalen Raumkunst (Environments). Die gezeigten Arbeiten, zusammengefasst unter dem Titel „Zeitsignale“, nutzen eine szenische, fast theatralische Ausdrucksform. Ein markantes Beispiel ist die Aufarbeitung des Themas Waldsterben: Gestaltet als eine Art Guckkasten-Bühne mit Kulissen, Spiegelwänden, Texten und gezielten Lichteffekten, wird der Betrachter in eine künstliche, beklemmende Passivität gezwungen, die eine tiefe emotionale Betroffenheit provoziert.

Das Symbol des Grubenholzes

Die Verwendung von altem Grubenholz aus dem Schacht als skulpturales Material entsprang einem bewussten Protest des Künstlers. Als die jahrzehntelang unter Tage gelagerten Hölzer an die Oberfläche geholt und nahe seinem Atelier aufgeschüttet wurden, setzte sich Dworak gegen deren Vernichtung ein. Für ihn besaßen diese vom Staub überzogenen Relikte einen unschätzbaren Erinnerungswert, da sie untrennbar mit der harten menschlichen Arbeit im Bergwerk verbunden waren.


Fasziniert von der Langlebigkeit des Materials, das fast ein Jahrhundert im Untergrund überdauert hatte, machte Dworak die Spuren der Zeit sichtbar. Die Risse, Splitter, Verbiegungen und Abnutzungen erzählen die Geschichte der extremen Belastungen unter Tage. Das Holz wandelt sich so vom reinen Naturprodukt und Werkstoff zum symbolischen Zeugnis des menschlichen Umgangs mit den Ressourcen der Erde.

Hommage an den Bergmann

Die Installation „Hommage an den Bergmann“ vermittelt eine spürbar melancholische Grundstimmung. Auf stelenartigen Grubenhölzern sind Bronzemasken angebracht, deren Darstellung sich chronologisch vom klassischen Porträt bis hin zur Totenmaske entwickelt. Hier wird Dworaks frühere Vertrautheit mit der Sakralkunst – etwa der Gestaltung von Portalen und Kirchenräumen – deutlich.


Die Aneinanderreihung der Objekte erinnert an einen Kreuzweg mit verschiedenen Stationen. Als inhaltlicher Aufhänger dienen weltliche Realitäten wie Zechenschließungen und der Verlust von Arbeitsplätzen im Ruhrgebiet. Das Werk setzt damit nicht den Gewinnern der Wirtschaftsgeschichte ein Denkmal, sondern rückt die Betroffenen und Opfer des Strukturwandels in den Mittelpunkt.

Die emotionalen Werte des Arbeitsplatzes

Welche tiefen emotionalen und gefühlsbetonten Werte der bergmännische Arbeitsplatz vermittelt, macht Dworak an einer weiteren Objektgruppe greifbar. Auf Holzstößen arrangiert er sorgsam in Blei nachgebildete Gegenstände, die den harten Alltag unter Tage wie selbstverständlich begleiteten: Ein Handtuch, die traditionelle Kaffeepulle, das Arschleder, schützendes Schuhwerk und die Schnupftabakdose.


Diese bewusst kühl wirkende Anordnung erzeugt eine beinahe greifbare Spannung – es wirkt, als bräuchte es nur einen winzigen Moment, bis der Kumpel an seinen Platz zurückkehrt. Doch diese emotionale Illusion wird schlussendlich von der harten historischen Wirklichkeit eingeholt und aufgelöst.

Dialektik und Ikonographie

In einer Auswahl seiner Gemälde nutzt Dworak das Prinzip der dialektischen Zuspitzung, um gesellschaftliche Brüche und Kontraste aufzuzeigen. Die Motive sprechen eine deutliche Sprache: Ein Spielmannszug musiziert vor der Kulisse einer Bergehalde; ein Maschinist wendet sich demonstrativ von der Seilscheibe ab, als ginge ihn das alles nichts mehr an; drei Männer spielen im Schatten von Häuserwänden Skat, um die Zeit totzuschlagen; und selbst ein Kind auf einem Karussell scheint die Freude abzuwehren. Diese visuellen „Zeitsignale“ bilden einen kritischen, nachdenklichen Gegenpol zur technisierten Welt des Elektronikzeitalters.


Dem gegenüber steht ein Zyklus von Bildern, den Dworak als „Ikonographien“ bezeichnete. Nicht im rein kunstwissenschaftlichen Sinne, sondern angelehnt an das klassische Kultbild (die Ikone), arbeitet er hier mit einem reduzierten, sehr symbolischen Schatz aus Farben wie Gold, Silber, Rot, Blau und Grün sowie verschlüsselten Strukturen. Diese Werke knüpfen spürbar an seine frühen Arbeiten aus dem Geist des Informel an. Ihre lyrische Grundtendenz verleiht den Bildern eine tiefe Ruhe, Harmonie und Innerlichkeit – sie zeigen eindringlich, dass Kunst immer auch von Träumen, Sehnsüchten und Hoffnungen erzählen darf.

Quellenhinweis & Dokumentation: Kunsthistorische Textgrundlage von Manfred Bourrée (1985) / Archiv schachtgalerie.de

© Nachlass Günter Dworak. Nutzung der Textfassung und Abbildungen nur mit ausdrücklicher Genehmigung! Kontakt: schachtgalerie@outlook.de

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